rauchen im schlafzimmer (kurzgeschichte)

Meine Knöchel schmerzten. Ich hatte sie schon lange nicht mehr bewegt. Schon lange nicht mehr so angestrengt. 65 Jahre alt waren sie und sie schienen mir so schlaff zu sein wie mein Arsch, meine Arme und meine Haut. So schlaff wie meine Gedanken. Bis zu diesem Moment.

Meine schmerzende Muskulatur in meinem Arsch verursacht einen stechenden Gegenschmerz zu dem in meinen Händen, die langsam die Farbe meiner Knöchel annehmen. Meine Schenkel sind gespannt, mein Rücken schmerzt. Aber eigentlich hat er das immer getan. Die letzten zwanzig Jahre. Meine Oberarme zittern vor Anstrengung, sie wissen, dass sie jetzt nicht aufgeben dürfen. Wenn sich etwas verändern oder verbessern soll in meinem Leben, müssen sie jetzt ihre Energie meinen Ellenbogen leihen. Meine Ellenbogen müssen Ihre Kraft auf meine beiden Daumen drücken, die dabei sind ihren Kehlkopf zu zerquetschen. Ihr Gesicht bekommt die gleiche Farbe wie meine Hände. „Schön“, denke ich. Es funktioniert. Gleich ist alles vorbei.

Die Vorfreude lässt mich für einen Moment unkonzentriert werden. Mein Knie, das ich in ihren Fötus gestemmt habe, der seit acht Monaten von ihrer fetten Bauchdecke abgeschirmt wird, rutscht kurz ab. Der Druck auf meine Daumen wird schwächer. Mit einem scharfen quietschenden Ton saugt sie etwas Luft in ihre Lungen. Ihre Augen kehren in ihre Höhlen zurück. Ich höre ein Wort. Im Todeskampf presst sie es heraus. „Nein!“, höre ich. 

Das Adrenalin schießt mir wie eine kalte Dusche durch den Körper. Ich habe dieses Wort in den letzten Jahren zu oft gehört. Mein Charakter, meine Lebensfreude, all meine Ideen wurden unter diesem Wort begraben. Auf einmal erinnerte ich mich wieder daran warum ich diese Anstrengung auf mich nehme und neue Kraft durchflutet meinen Körper. Mein Knie begibt sich zurück auf seine Position. Meine Schultern wandern nach vorn, meine Hände umschließen ihr Ziel, mein Schwerpunkt wandert über ihren Kopf und mit einem leisen zärtlichen Laut, den zärtlichsten und einfühlsamsten Laut, den ich seit zwanzig Jahren von ihr gehört habe, zerbricht ihr Kehlkopf. Ich habe es geschafft.

Ich schaudere zurück. Seit acht Monaten war das der längste körperliche Kontakt zu ihr. Seit acht Monaten hatte sie keinen mehr zugelassen, bis ich ihn erzwang. Meine Hände lassen los, ihre Hände wandern zu ihrem Hals. Sie scheinen die meinen im Todeskampf ersetzen zu wollen. Ich lasse mich vom Bett fallen und rutsche über unseren makellos gereinigten Teppich zu unserer elfenbein farbenen Schrankwand.

Durch die Spiegel kann ich nun zwei Frauen sehen, die sich auf einem akribisch gemachten Bett, mit zur Bettdecke passenden Dekorationen auf den Nachttischen, im Todeskampf in ihre,  über die Jahre immer riesiger gewordene Unterwäsche scheißen.

Ich ziehe ein zerquetschtes Päckchen Zigaretten aus der Hosentasche, das sie versucht hatte mir wegzunehmen. Ich habe diesen Raum bezahlt. Ich habe ihn gebaut. Und noch nie habe ich hier geraucht. Das Feuerzeug geht an, ihr Licht geht aus. In einer Sekunde werde ich das Kind aus ihr herausschneiden und die Polizei rufen. Ich freue mich auf das Gefängnis.

Denn es wird mich freier machen als ich es die letzten zwanzig Jahre war.

heiko van der scherm 2001


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